M/A
01 | 2024
14/29
© Karl August Almstadt

Stern zum Discountpreis

Mercedes 180 (W 202): Technik für die Ewigkeit, Rost in allen Teilen

Wohl keine andere deutsche Automarke symbolisiert Deutschlands wirtschaftlichen Aufstieg nach dem 2. Weltkrieg wie Mercedes. Das zeitweise „beste Auto der Welt“ mit dem Stern auf dem Kühler wurde zum Inbegriff von „Made in Germany.“ Wer einen Mercedes sein Eigen nennen durfte, hatte es geschafft. In den Augen seiner Mitbürger und auch in der eigenen Wahrnehmung. Man fuhr in einer anderen Liga.

Ein bisschen von diesem Glanz hat die Jahrzehnte überlebt. Als die Stuttgarter Autobauer 1982 mit dem als „Babybenz“ titulierten 190 (Modellreihe W 201) ein für Normalverdiener erschwingliches Fahrzeug anboten, tat das dem Nimbus keinen Abbruch. Ein Mercedes ist ein Mercedes. Punkt! Das gilt auch für den hier von mir empfohlenen Nachfolger der Modellreihe W 202,  die als C-Klasse auf dem Markt kam. Es gab sie mit kleinem Vierzylinder-Motor als C 180 mit Buchhalter-Ausstattung, aber als C 280 mit exquisitem 6-Zylinder-Triebwerk, ausgestattet mit allen Features, die das Herz begehrt. Solche Fahrzeuge kosten im fahrbereiten Zustand allerdings mehr als die hier als Höchstgrenze veranschlagten 3000 Euro.

Ich widme mich deshalb dem kleinen Vierzylinder. Hier gibt’s den Stern zum Discountpreis und hinterm Steuer das glückliche Gefühl, für kleines Geld alles zu haben, was man zum Autofahren braucht: Ein komfortables Fahrzeug, wendig in der Stadt, gemütlich beim cruisen auf Landstraßen, ruhig und gelassen bei Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn und als kostenloses Extra zu jeder Zeit den typischen Mercedes-Qualitätseindruck. Den vermittelt die C-Klasse selbst dann, wenn sie von der Resterampe stammt oder große Löcher tiefe Einblicke in die Karosse gewähren.Damit sind wir mitten im Thema: Kein anderes Fahrzeug rostet mehr als ein Mercedes dieser Zeit, selbst scheckheftgepflegte Exemplare sind nicht vor Korrosion gefeit. Schlimmer als ein W 202 rostet nur sein Nachfolger (W203), von Fachleuten häufig als schlechteste C-Klasse überhaupt abgestempelt. Warum ich Ihnen so eine „Rostlaube“ ans Herz legen will? Weil es einzelne Autos gibt, an denen viel Blecharbeit im Laufe der Jahre erledigt wurde. Wenn das der Fall ist, hat man einen Freund fürs Leben. Danach sollten Sie suchen.

Denn die Technik scheint gemacht für die Ewigkeit. Der C 180 Benziner ist nicht nur robust und geht fast nie kaputt. Als relativ moderne Vierventilkonstruktion pflegt das Triebwerk einen sparsamen Umgang mit dem teuren Sprit. Zwischen 7 und 9 Litern lassen sich bei angemessener Fahrweise realisieren. Am besten passt die manuelle Schaltung zu diesem Motor. Wer's bequem mag, darf auch zur Automatik greifen. Aber die kostet etwas Leistung und erhöht den Verbrauch. Ich persönlich ziehe bei alten Autos immer Fahrzeuge mit Schiebedach vor. Dann hat man zumindest zugfrei frische Luft, wenn die Klimaanlage das Zeitliche gesegnet hat und die Reparatur nicht ins Budget passt.

Vor dem Genuss kommt die kritische Überprüfung des Objekts der Begierde: Mit Chance rostet die C-Klasse nur an Radläufen, Türunterkanten, Heckdeckel, diversen Traversen Unterboden und Wagenheberaufnahmen, sondern auch an der Hinterachse und ihrer Aufhängung. Ernst zu nehmende Knackpunkte sind auch die Federaufnahmen vorn. Diese Schwachstellen sollten auf alle Fälle von einem Fachmann untersucht werden. Sonst läuft man Gefahr, eine geschminkte Leiche zu kaufen. Da hilft dann auch die langlebige Technik nicht.

Verlassen sollte man sich auch nicht auf eine Prüfplakette. Denn mit „Bauernblind“, wie dicker, schwarzer Unterbodenschutz manchmal bezeichnet wird, lassen sich viele Schwachstellen übertünchen. Lieber selbst einen Fachmann beauftragen, der mit einem Schraubenzieher der Sache auf den Grund geht. Ist der Verkäufer damit nicht einverstanden, lieber auf den Erwerb verzichten. Ansonsten gilt: Hohe Laufleistungen sollten nicht schrecken, Preise ab 1500 Euro auch nicht.


von Klaus Schmidt