Der Rüsselsheimer will auch mit solider Reichweite und niedrigem Verbrauch punkten
Kombimodelle sind weiterhin beliebt, doch rein elektrische gibt es eher selten im Handel. Diese interessante Lücke will Opel mit seinem Astra Sports Tourer als erster vollelektrischer Kombi eines deutschen Autobauers füllen. Die nunmehr 11. Generation des Astra gibt es seit dem Herbst 2022 als Fünftürer, auch die E-Variante soll sich als attraktives Angebot für Beruf, Familie und Freizeit zeigen. Dazu passt der frische optische Auftritt außen wie innen. Der ST wirkt rundum stylisch, nicht nur die fein gezeichnete Front beeindruckt. Insgesamt tritt der Wagen sehr dynamisch auf, was er auch motorisch im Alltagseinsatz unter Beweis stellen kann.
Lange Tradition bei den Kombis
Bei Opel haben Kombimodelle eine lange Tradition, der erste stand schon im Herbst 1953 auf der IAA in Frankfurt am Main als Olympia Rekord Caravan (40 PS). „Ein ideales Fahrzeug, das Schönheit und Zweckmäßigkeit harmonisch vereint – werktags bei der Kundenbelieferung, am Wochenende zu vergnüglicher Erholung“, so beschrieb ihn die damalige Opel-Werbung. Mit dem 4,26 Meter langen Wagen kombinierte ein deutscher Hersteller zum ersten Mal die Vorteile aus komfortabler Limousine und praktischen Lieferwagen-Kapazitäten in einem für die Großserienproduktion bestimmten Fahrzeug. Der Caravan war wie gemacht für den aufkommenden Tourismus, denn die Deutschen wollten Italien, Frankreich, Spanien und die Länder im Norden von Europa kennenlernen. Er konnte die fünfköpfige Familie inklusive sieben Koffern und Taschen aufnehmen, Campingausrüstung samt Schlauchboot kam aufs Dach. 1962 folgte der kleinere Caravan 1000 auf Basis des Kadett A. Was viele sicher nicht wissen: die bei Opel gängige Bezeichnung Caravan für einen Kombi, wurde aus dem englischen Begriff „Car and Van” abgeleitet.
Der Astra Sports Tourer punktet auch als batterieangetriebene Variante Electric mit viel Platz. Das betrifft die Passagiere auf den Vordersitzen und im Fond ebenso wie das mitreisende Gepäck. Für letzteres steht ein großzügig dimensionierter Laderaum von 516 bis 1553 Liter bereit. Die clevere Positionierung der Batterie hilft dabei, sie wird platzsparend im Unterboden verstaut. Daher geht kein wertvoller Platz im Innenraum verloren.
Der flache Ladeboden und die geteilt (40/20/40) einfach umklappbare Rücksitzlehne sorgen für zusätzliche Flexibilität. Sehr komfortabel und praktisch ist die optional sensorgesteuerte Heckklappe. Einfach einen Fuß unter dem hinteren Stoßfänger bewegen, um sie zu öffnen oder zu schließen. Mit vollen Händen nach dem Einkauf eine tolle Sache. Doch mit 1700 Euro im Komfort-Paket zusammen mit anderen Details (z.B. elektr. Glasschiebe-/Sonnendach) auch nicht gerade wenig Geld.
Die Motorisierung
Die Reichweite wird leider oft überbewertet, denn in der Regel braucht der Alltag nur wenige Kilometer Fahrstrecke. Mal abgesehen von reinen Stadtautos, sollte sie jedoch groß genug sein, damit auch die Urlaubstour ohne zu viele langatmige Ladestopps absolviert werden kann. Der elektrische Astra Sports Tourer legt mit seinem ordentlich dimensionierten Lithium-Ionen-Akku (54 kWh) prall gefüllt laut vergleichbarem WLTP-Zyklus im Mittel bis zu 413 Kilometer zurück, im reinen Stadteinsatz sogar deutlich mehr.
Na klar, 156 PS sind im Vergleich zu anderen E-Modellen in diesem Format nicht viel, doch sie reichen völlig aus, um den Opel jederzeit zügig zu bewegen. Dabei hilft Leichtbau, der in Rüsselsheim gebaute Stromer wiegt nur rund 1760 Kilogramm. In Zeiten ständig steigender Gewichtszahlen und damit steigendem Hunger der Motoren eine gute Nachricht. So benötigt er laut vergleichbarem WLTP-Testzyklus im Mittel nur 15,0 kWh Strom auf 100 Kilometer. Da das Drehmoment von 270 Nm beim ersten Druck auf das Gaspedal anliegt, kommen agiler eingestellte Fahrer ebenfalls auf ihre Kosten, bei Ampelstarts und beim Überholen von langsamen Fahrzeugen auf Landstraßen. Auf der Autobahn sind nur 170 km/h möglich.
Laden lässt sich der Wagen zu Hause und unterwegs, mit dem serienmäßigen Bordladegerät (11 kW) oder anderen Möglichkeiten wird das zur einfachen Sache. An einer Gleichstrom-Schnellladesäule mit 100 kW ist die Batterie im Idealfall in 26 Minuten bis zu 80 Prozent gefüllt.
Opel hat bei der Dämmung ein hohes Maß angelegt, zusammen mit den serienmäßig laminierten Seitenscheiben kommen Umgebungslärm und die übliche Abrollgeräusche beim Fahren kaum hörbar in den Innenraum. Insgesamt zeigte sich die Fahrwerksabstimmung straff, auch daher fühlte sich der Wagen trotz seiner im Vergleich nicht gerade imposanten Leistung leichtfüßig und sehr agil an. Auf kurvigen Landstraßen legt er ein hohes Fahrspaß-Niveau an, unterstützt von der angenehm feinfühligen Lenkung.
Gute Ausstattung
Natürlich muss der äußere Auftritt gefallen, doch viel wichtiger ist das Interieur, denn dort sitzt man die meiste Zeit über. Die Optik hat ebenso zu punkten wie Bedienung, Raumangebot und Sitzkomfort. Der erste Eindruck beim Platznehmen überrascht positiv, die Designer haben ein attraktives Ambiente realisiert, es wirkt dynamisch und stylisch zugleich, bei der Materialauswahl gibt es nichts zu bemängeln.
Zum frischen Auftritt passt das kurvig gestaltete Kombiinstrument im XL-Format. Es reicht bis rüber zur Beifahrerseite. Die schwarze Scheibe auf dem Armaturenbrett verwandelt sich nach dem Drücken des Startknopfs in imposant- bunte Displays, auf denen alle notwendigen oder gerade gebrauchten Informationen abzurufen sind. Das Infotainment inklusive Navigation lässt sich wie beim Smartphone ganz einfach ohne große Fragezeichen bedienen.
Die Serienausstattung ist vergleichbar gut, auch bei den elektronischen Helfern für mehr Komfort und Sicherheit hat Opel schon im Basismodell (ab 43490 Euro) nicht gespart. Voll-LED-Scheinwerfer, Wärmepumpe, schwarze Außenspiegelgehäuse, Einparkhilfe vorn und hinten oder edle Leichtmetallfelgen im Format 18 Zoll gehören ebenfalls dazu. Darüber hinaus gibt es reichlich Optionen, die natürlich den Preis nach oben schieben. 46560 Euro sind es bei der von uns gefahrenen GS-Variante mit etlichen weiteren Assistenten wie Notbremssystem samt Fußgängererkennung, Abstands- und Kollisionswarner. Auch 360-Grad-Kamera, schlüsselloses Schließ- und Startsystem oder grandiose Sitzen gehören dazu. Letztere sind eine gefragte Spezialität bei Opel, weil ausgezeichnet von der Aktion Gesunder Rücken e.V. (AGR). Wer öfters Langstrecken fahren muss, sollte die unbedingt mit an Bord haben. Nicht gefallen haben uns scharfe Kanten innen an der Handschuhfachklappe und in den Türablagen.
von Achim Stahn